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Reiki als eine Interventionsmöglichkeit bei
hyperaktiven Kindern und ihren Familien

Diplomarbeit von Verena Schäfers

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Vorwort

Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich über dieses spezielle Thema meine Diplomarbeit verfassen durfte. Dabei war der Weg bis dorthin nicht ganz einfach. Ursprünglich war meine Idee, eine Studie anzufertigen, um etwas über die Effekte von Reiki bei hyperaktiven Kindern aussagen zu können. Dafür begab ich mich auf die Suche nach zehn „geeigneten“ Familien. Die Voraussetzungen, die ich für die Teilnahme an dem Projekt stellte, waren, dass die Kinder keine anderen Therapien in dem Zeitraum der Reikibehandlungen durchführen sollten, da dadurch das Ergebnis hätte verfälscht werden können. Des Weiteren sollten sie nicht regelmäßig starke Medikamente zu sich nehmen müssen, weil Reiki die Wirkung dieser beeinflusst. Ebenfalls war mir wichtig, dass die Kinder von einem Facharzt untersucht worden waren, der ein hyperkinetisches Syndrom diagnostiziert hatte. Trotz intensiver Suche blieb ich jedoch erfolglos. Denn entweder waren die Kinder schon in irgendeine Art von Therapie eingebunden, oder aber ich wurde bereits im Vorfeld von anderer Stelle abgewiesen. Dabei war die Skepsis von Seiten der Kinderärzte und anderen Therapeuten immens groß. Letztendlich vermittelte mir meine Reikilehrerin über Umwege ein Kind, das den oben genannten Voraussetzungen entsprach. Mit dem Mädchen und seiner Mutter arbeitete ich ein halbes Jahr lang, was ein sehr spannender Prozess war. Die Resultate stellen zwar kein repräsentatives Ergebnis dar, aber vielleicht kann die Arbeit dazu beitragen, das allgemeine Interesse für Reiki zu wecken. Schon bei der Erstellung der Diplomarbeit begegnete ich erstaunlich vielen Menschen, die eine große Neugier für mein Vorhaben zeigten und mir Mut zu sprachen.

An dieser Stelle möchte ich mich bei allen Freunden bedanken, die mich bei der Erstellung der Diplomarbeit unterstützt haben. Ein besonderer Dank geht dabei an meine Reikimeisterin und -lehrerin Karin Schmitt, die mir sowohl mit ihrem fachlichen wie auch menschlichen Rat beständig zur Seite stand.

Ich habe mich für die Benutzung des männlichen grammatikalischen Geschlechts entschieden, um den Text leichter lesbar zu gestalten. Hiermit ist das weibliche Geschlecht jedoch in keinem Falle ausgeschlossen, da jeder Mensch sowohl männliche als auch weibliche Anteile in sich hat.

Auf Wunsch des Erstkorrektors wurde die gesamte Diplomarbeit in der neuen Rechtschreibung verfasst.

Ich möchte mit dieser Arbeit Reiki als eine Interventionsmöglichkeit vorstellen und hoffe, dass ich damit eine Kleinigkeit dazu beitragen kann, um den Horizont der Leserschaft zu erweitern. Das folgende Zitat soll auf die Tatsache einstimmen, dass der Methode des Reiki eine andere (metaphysische) Sichtweise als gewöhnlich zu Grunde liegt:

„Der Kopf ist rund, damit die Gedanken ihre Richtung ändern können.“ [1]

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die HKS bzw. das ADHD

1.1. Symptomatik

1.2. Epidemiologie

1.3. Verursachungsfaktoren

1.3.1. Genetische Einflüsse

1.3.2. Organische und biologische Faktoren

1.3.3. Ökologische Faktoren

1.3.4. Sozioökonomische und kulturelle Bedingungen

1.3.5. Psychosoziale Faktoren

1.4. Multimodale Behandlung

2. Reiki - Eine Einführung

2.1. Das Chakrensystem

2.2. Der Ursprung des Reiki

2.3. Ausbildungen

2.4. Wirkungsebenen

2.5. Anwendungsbereiche

2.6. Versuch der wissenschaftlichen Erklärung

2.7. Der Sinn der Rituale

2.8. Die Ganzbehandlung

2.9. Die Kurzbehandlung

2.10. Ganzheitlicher Blickwinkel

3. Praxisbeispiel

3.1. Setting

3.2. Das Familiensystem

3.3. Das Kind

3.4. Die Reikisitzungen

3.5. Entwicklungsverlauf

3.6. Auswertung

4. Diskussion

Literaturverzeichnis

Einleitung

Meine persönlichen Erfahrungen in der sozialpädagogischen Arbeit mit Kindern (unter anderem auch hyperaktiven Kindern) sowie die Anwendung von Reiki bei Kindern und Erwachsenen führten zu der Idee, die beiden Bereiche Hyperaktivität und Reiki miteinander zu verbinden. Mein Ansatz ist, dass Reiki als eine alternative Heilmethode hyperaktiven Kindern und ihren Familien helfen kann, positive Verhaltensänderungen herbeizuführen. Dabei vertrete ich die Hypothese, dass Reiki durch seine positive und ganzheitliche Wirkung besonders hyperaktiven Kindern helfen kann, wieder mehr ins Gleichgewicht zu kommen (sowohl auf körperlicher als auch auf seelischer und „energetischer“ Ebene).

Die hyperkinetischen Störungen haben in den letzten Jahren immer mehr Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Die Experten sind sich trotz (oder gerade wegen) umfassender Forschungen noch nicht über die genaue Rolle von möglichen Ursachenfaktoren einig, was sich ebenfalls in dem Streit über „sinnvolle Therapiemethoden“ widerspiegelt. Um dem Leser einen Überblick über den momentanen Stand der Wissenschaft zu verschaffen, behandelt das erste Kapitel verschiedene Aspekte der Störung.

Gerade die bedrohlich klingenden Zahlen bezüglich der Darreichung des Psychopharmakons Ritalin führen dazu, dass die Anzahl der „alternativen“ Heilmethoden ebenfalls stetig ansteigt. Als eine bisher noch nicht erprobte Möglichkeit auf diesem Gebiet ist Reiki anzusehen. Die allgemeine Vorgehensweise sowie verschiedene Hintergründe zu der Reikimethode werden im zweiten Kapitel aufgegriffen, um alsdann im dritten Kapitel die Umsetzung der Theorie in die Praxis anhand eines praktischen Beispieles aufzuzeigen. Dieses setzt sich aus den Erfahrungen zusammen, die ich über den Zeitraum eines halben Jahres bei der Behandlung mit Reiki bei einem hyperaktiven Mädchen und seiner Mutter sammeln konnte. Das Kapitel endet mit einer Auswertung, die darstellt, ob Veränderungen eingetreten sind.

Zum Abschluss wird im vierten Kapitel über die Anwendung diskutiert und es werden Überlegungen angestellt, ob die erprobte Interventionsmethode eine sinnvolle Möglichkeit für die Zukunft darstellen kann.

1. Die HKS bzw. das ADHD

Nach Döpfner/Frölich/Lehmkuhl gehören hyperkinetische Störungen zu den häufigsten psychischen Störungen im Kindesalter [2]. Es existieren unterschiedliche Klassifikationssysteme, die Krankheiten beschreiben und eingrenzen. Die Einteilungen weisen jedoch bei einigen Störungsbildern Unterschiede auf. Die Einordnung der hyperkinetischen Störung nach den gängigsten Klassifikationssystemen soll an dieser Stelle kurz dargestellt werden.

Von der WHO (Weltgesundheitsorganisation) wurden 1992 erstmals Diagnoserichtlinien herausgegeben, die sich ICD 10 (International Classification of Diseases- 10. Auflage) nennen. Die Leitlinien [3] zu der speziellen Störung sind unter der Gruppe „F9: Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend“ zu finden. Hiernach werden die Auffälligkeiten unter Punkt „F90“ als „Hyperkinetische Störungen“ (HKS) bezeichnet. Nach dem ICD 10 werden die HKS unterteilt in eine einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung (F 90.0) und in eine hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens (F90.1). Die zweite Form stellt eine Komorbiditätsdiagnose [4] dar, da beide Störungen (hyperkinetische Störung und Störung des Sozialverhaltens) häufig gemeinsam auftreten.

Die Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität ist unter einem anderen Punkt zu finden - nämlich unter „F 98.8: Sonstige näher bezeichnete Verhaltens- oder emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend“. Im Gegensatz zu den Diagnoserichtlinien im DSM (siehe weiter im Text) wird diese Form von Auffälligkeit nicht mit hyperkinetischen Störungen in Zusammenhang gebracht.

In dem Arbeitsfeld der Kinder- und Jugendpsychiatrie wird ein zusätzliches Klassifikationssystem benutzt - das MAS [5] (Multiaxiale Klassifikationssystem für psychische Störungen des Kindes- und Jugendalters). Dieses ist auf der Basis des ICD 10 entstanden. Das MAS unterteilt Erkrankungen in sechs Achsen, um eine multiaxiale Betrachtungsweise zu ermöglichen. Die erste Achse listet psychiatrische Syndrome auf, unter denen - ebenso wie bei der ICD 10 - die Hyperkinetischen Störungen unter dem Punkt F 90 zu finden sind. Die Ausführungen zu dem Störungsbild sind mit den Vorgaben der ICD 10 deckungsgleich [6]. Lediglich die fünfte und die sechste Achse des MAS sind in der ICD 10 nicht enthalten. Diese beinhalten Kriterien, anhand derer akute und abnorme psychosoziale Umstände sowie die psychosoziale Anpassung des Kindes bzw. des Jugendlichen beurteilt werden können.

Die Amerikanische Psychiatrische Assoziation hat ein Diagnostisches und Statistisches Manual (Diagnostic and Statitical Manual, Abkürzung: DSM) psychischer Störungen herausgegeben, das dem aktuellen psychiatrischen Wissensstand immer wieder angepasst wird und somit mehrmals neu aufgelegt worden ist. In seiner dritten Fassung von 1980 (DSM-III) ist für die Bezeichnung der Störung der Begriff ADD (attention deficit disorder) gewählt worden. Das ICD 10 hat diese Bezeichnungsform, bei der das Aufmerksamkeitsdefizit im Vordergrund steht, zwar nicht übernommen, aber die Übersetzung des Begriffes in die deutsche Sprache wird häufig benutzt - sie lautet ADS (Aufmerksamkeits-Defizit-Störung). In der 1987 revidierten Fassung des DSM (DSM-III-R) wurde dem ADD noch der Aspekt der Hyperaktivität hinzugefügt, so dass die Störung von da an bis zum heutigen Zeitpunkt ADHD (attention deficity hyperactivity disorder) genannt wird.

Nach dem DSM in seiner vierten Auflage (DSM-IV), die 1994 erschienen ist, wird die Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörung in drei Untertypen aufgeteilt. Diese sind jedoch nicht deckungsgleich mit den Subtypen des ICD 10. Zum einen gibt es den vorherrschend unaufmerksamen Typus, der auch als ADD/-H (das bedeutet ohne das Symptom der Hyperaktivität) betitelt wird. Mit dem Begriff ADD/+ H hingegen wird ein vorherrschend hyperaktiv-impulsiver Subtypus benannt.

Der „gemischte Subtypus“ wird zumeist bei Jugendlichen und Erwachsenen festgestellt, die nicht mehr alle notwendigen Symptome für eine der beiden zuvor genannten Formen aufweisen. Diese Diagnose kann mit dem Zusatz „in partieller Remission“ (in teilweisem Rückgang) noch spezifiziert werden [7].

Somit besteht der wesentliche Unterschied bezüglich der Klassifikation der Störung in der Aufteilung in Untertypen. Durch diese Unterteilung ergeben sich Unterschiede in der Bestimmung der Anzahl und der Kombination der Kriterien, die für eine Diagnosestellung notwendig sind. Die Definition der einzelnen Kriterien (also der Symptombeschreibung an sich) ist jedoch weitestgehend gleich [8] .

Da der Gebrauch der ICD 10 in der sozialpädagogischen Praxis überwiegt, wird im weiteren Verlauf der Arbeit angelehnt an dieses Klassifikationsschema die Abkürzung „HKS“ für die Bezeichnung der Störung benutzt. Diese Entscheidung soll anhand des folgenden Zitats gestützt werden: „Während DSM in den englischsprachigen Ländern eine große Bedeutung hat, wird im Übrigen in Europa das internationale Klassifikationssystem der WHO, nämlich die ICD 10 ... benutzt“. [9]

1.1. Symptomatik

Die Symptomatik der HKS ist ein zeit- und kulturunabhängiges Phänomen. Schon 1848 umschrieb der Nervenarzt Dr. Heinrich Hoffmann in seinem Buch „Der Struwwelpeter“ mit der Figur des „Zappelphilipps“ diese Störung.

Die HKS lässt sich in Primär- und Sekundärsymptome aufteilen. Das erste Kernmerkmal ist die Hyperaktivität (Überaktivität), die sich durch ein insgesamt hohes Energieniveau, ein geringes Schlafbedürfnis, ein allgemein hohes Mitteilungsbedürfnis und durch motorische Unruhe zeigen kann (z.B. stehen die Kinder in Situationen, bei denen Sitzen bleiben erwartet wird, oft auf oder zappeln mit Händen und Füßen). Zu den Primärsymptomen gehört des Weiteren die Aufmerksamkeitsstörung. Diese äußert sich durch eine geringe Aufmerksamkeitsspanne (bei durchaus schneller Aufnahmefähigkeit) und eine hohe Ablenkbarkeit (schneller Wechsel bezüglich der Konzentration auf eine Sache). Bei Ansprache von außen scheinen die Kinder teilweise nicht zuzuhören. Bei der Ausführung von Alltagstätigkeiten sind sie vergesslich, und allgemein haben sie Schwierigkeiten, Aufgaben und Aktivitäten zu organisieren. Das dritte und letzte Kernmerkmal stellt die Impulsivität dar. Die Kinder handeln oft unüberlegt, wodurch sie sich oder andere teilweise in Gefahr bringen können oder verletzen. Sie zeigen eine geringe Frustrationstoleranz, sind rasch reizbar und stimmungsschwankend. Bevor eine Frage zu Ende gestellt ist, platzen die Kinder häufig schon mit der Antwort heraus. Auch in Spiel- oder Gruppensituationen fällt es ihnen schwer, so lange zu warten, bis sie an der Reihe sind. Des öfteren stören sie andere Kinder oder Erwachsene bei Gesprächen oder Spielen. Die Auffälligkeiten der Kinder können dazu führen, dass sie von Gleichaltrigen schnell abgelehnt und als „Sündenböcke“ von der Gruppe ausgegrenzt werden. Diesen Umstand versuchen sie zu kompensieren, indem sie den „Clown“ bzw. den „Klassenkasper“ spielen.

Sowohl im DSM-IV wie auch im ICD 10 gibt es Voraussetzungen, damit die Diagnose einer hyperkinetischen Störung bzw. einer Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung gestellt werden darf. Beide Systeme geben an, dass die genannten Symptome in mindestens zwei Lebensbereichen auftreten müssen (z.B. Schule und Familie), d.h. situationsübergreifend sind. Nach der ICD 10 ist eine weitere Bedingung, dass der Beginn der Auffälligkeiten vor dem sechsten Lebensjahr liegt.

„Die Störungen der Aufmerksamkeit, der Aktivität und der Impulsivität müssen über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten in einem Ausmaß vorhanden sein, das zu einer Fehlanpassung führt und das dem Entwicklungsstand des Kindes nicht angemessen ist.“ [10]

Nach den Richtlinien des DSM-IV ist es nicht zwingend erforderlich, dass alle drei Leitsymptome zusammen auftreten. Dies ist nur bei dem Mischtypus der Fall. Bei dem vorwiegend hyperaktiv-impulsiven Typus müssen lediglich sechs oder mehr Anzeichen der Hyperaktivität und Impulsivität vorliegen, d.h. das Kriterium der Unaufmerksamkeit ist irrelevant. Beim vorwiegend unaufmerksamen Typus hingegen reichen sechs oder mehr Anzeichen der Unaufmerksamkeit aus. Die genannten Symptome sollen, wie es auch die ICD 10 vorgibt, in den letzten Monaten beständig in einem für den Entwicklungsstand des Kindes unangemessenen Ausmaß vorhanden gewesen sein. Im Unterschied zu der ICD 10 muss die Störung vor dem siebten Lebensjahr eingesetzt haben. Bei der Festlegung der Ausschlusskriterien stimmen die beiden Systeme bis auf kleinere Abweichungen überein. Bevor das Störungsbild diagnostiziert wird, sollte demnach eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, eine Schizophrenie oder eine andere psychotische Störung als Auslöser für das auffällige Verhalten ausgeschlossen werden können. Wenn ein Kind die Diagnose „HKS oder ADHD“ erhält, sollte zuvor immer eine genaue und ganzheitliche Diagnostik stattgefunden haben. Denn vorschnelle Urteile können dem Kind und der Familie eher schaden als helfen.

Abschließend stellt die nachfolgende Abbildung nochmals die festgelegten Voraussetzungen für eine Diagnosestellung im Überblick dar.

Abbildung aus: Hyperkinetische Störungen, Döpfner/Frölich/Lehmkuhl, 2000, S .3.

Neben den Primärsymptomen existieren sogenannte Sekundärsymptome, die zwar nicht zwingend zum Erscheinungsbild der HKS gehören, aber oftmals als Folgeerscheinungen der Verarbeitung der Kernsymptomatik auftreten. „Bis zu zwei Drittel aller Kinder mit hyperkinetischer Störung weisen neben den Kernsymptomen weitere, sogenannte komorbide Störungen auf, die für die Entwicklung des Kindes zusätzliche Risikofaktoren darstellen ... .“ [11]

Die folgende Aufzählung der Sekundärsymptome enthält nicht alle Symptomzusammenhänge, die in einigen Publikationen genannt wurden. Aus Übersichtsgründen habe ich mich auf eine Auswahl der am häufigsten genannten Sekundärsymptome beschränkt. Nach verschiedenen Studien ist bei 30-50% aller Kinder und Jugendlichen mit hyperkinetischer Störung eine Störung des Sozialverhaltens (z.B. Aggressivität) zu erkennen. Bei 10-40% treten affektive Störungen (vor allem depressive Störungen) auf, bei 20-25% werden Angststörungen sichtbar. Bei 10-25% der Kinder sind trotz eines normalen Intelligenzquotienten spezifische Lernstörungen und Teilleistungsschwächen zu erkennen [12]. Nach einem Beitrag von Reuner, G. und Oberle, A. schwanken die Angaben über die Häufigkeit von ADS und Lernstörungen zwischen 10% und 92%. Dazu führen sie aus: „Das Problem, das zu dieser Diskrepanz führt, liegt in der Definition von Lernstörungen. Zu »weiche« Definitionen überschätzen die Häufigkeit, zu hohe Definitionen grenzen Lernstörungen bei hochbegabten Kindern aus ... .“ [13]

Auf den Verlauf der HKS wird im Rahmen dieser Arbeit nicht genauer eingegangen, doch es sei zu erwähnen, dass sich die Hyperaktivität in der Pubertät oder Adoleszenz (nachpubertäres Jugendalter) in Hypoaktivität (Unteraktivität) wandeln kann, wozu sich dann die Sekundärsymptome oftmals gegenüber den Primärsymptomen verstärken [14]. Bei etwa einem Drittel der Betroffenen ist die HKS als belegbares Krankheitsbild noch im Erwachsenenalter nachweisbar, wenn auch nicht immer unbedingt mit der gleichen Stärke der Symptome [15].

Nach der Beschreibung der Symptomatik soll nun noch kurz auf die Stärken der hyperaktiven Kinder eingegangen werden, da jeder Mensch und jede „Störung“ sowohl Schwächen als auch Stärken in sich birgt. Nach Neuhaus [16] zählt zu den ausgeprägten Stärken der hyperaktiven Kinder ein großer Gerechtigkeitssinn und eine hohe Hilfsbereitschaft, so dass sich die Kinder gerne und oft für andere Menschen einsetzen. Aufgrund der oben beschriebenen Impulsivität kann dies leider manchmal zu „unangepassten“ Verhaltensweisen führen, wie z.B. dass sie mitten im Unterricht aufspringen und den Lehrer anschreien, wenn sie meinen, dass andere Kinder oder sie selber ungerecht behandelt wurden. Doch sie sind gleichzeitig spontan, kreativ und besitzen viel Fantasie. Wenn sie sich mit jemandem gestritten haben, können sie schnell wieder verzeihen und sind nicht besonders nachtragend. Dadurch dass sie zumeist mehrere Informationen gleichzeitig aufnehmen, ist ihnen oftmals ein guter Überblick über die Gesamtsituation möglich, was wiederum einen geographisch sicheren Orientierungssinn fördert. Zumeist ist bei diesen Kindern eine große Tier- und Naturliebe zu beobachten. Neuhaus erwähnt darüber hinaus: „Es ist nicht nur Spekulation, sondern zeigt sich in der Erfahrung, dass bestimmte Berufsgruppen sogar durch diese Menschen getragen werden. So finden sich „ADSler“ vermehrt unter Feuerwehrleuten, Rettungssanitätern, Polizisten ... .“ [17] Sie meint, dass diese Menschen besonders gut in unterschiedlichen Bereichen eingesetzt werden können, die besondere Anforderungen hinsichtlich Präsenz, Reaktionsgeschwindigkeit und Risikobereitschaft erfordern.

Abschließend sei bemerkt, dass die Kinder aufgrund der menschlichen Individualität unterschiedliche Verhaltensweisen (Stärken und Schwächen) zeigen. Demnach lässt sich kein exaktes Exempel statuieren, wie sich ein hyperaktives Kind genau verhält. Die Beschreibung der Symptomatik kann somit nur einen Orientierungsrahmen bieten.

1.2. Epidemiologie

Aufgrund der uneinheitlichen Kriterien für eine Diagnosestellung und der unterschiedlichen Messinstrumente bzw. Erhebungsverfahren variieren die Angaben über die Auftretenshäufigkeit stark.

„Brühl und Mitarbeiter (2000) ermittelten bei deutschen Kindern im Alter von sechs bis zehn Jahren für eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung nach DSM-4 eine Diagnoseprävalenz von 6% und für eine hyperkinetische Störung nach ICD-10 2,4%“. [18]

Im allgemeinen wird bei Schulkindern von einer Auftretenswahrscheinlichkeit von 3% bis 10% ausgegangen. Bei der Anzahl von Kindern mit HKS in Kinder- und Jugendpsychiatrischen Kliniken schwanken die Angaben zwischen 3% und 15%. Unabhängig von diesen Werten konnte jedoch bei allen Studien eine deutlich stärkere Belastung der Jungen festgestellt werden, die um das Drei- bis Neunfache höher liegt als bei Mädchen. Bei Kindern aus Unterschichtfamilien wird die Störung häufiger diagnostiziert.

1.3. Verursachungsfaktoren

In der Literatur sind vielfältige Annahmen über die Entstehungsbedingungen des HKS zu finden, doch bis heute konnte noch kein zentraler Entstehungsfaktor festgelegt werden. Vielmehr ist von einer multifaktoriellen Genese auszugehen. Die Zusammensetzung der unterschiedlichen Faktoren ist individuell verschieden. Holowenka bemerkt: „Es gibt keine schlüssigen Forschungsergebnisse über die Ursachen von AD/HS. [19]

Um dem Leser einen Einblick in die zur Zeit diskutierten Verursachungsmöglichkeiten zu geben, werden diese in den folgenden Unterpunkten dargestellt.

1.3.1. Genetische Einflüsse

Die erhöhte Auftretenswahrscheinlichkeit bei Jungen gegenüber Mädchen legt die Vermutung eines genetischen Einflusses nahe. Verschiedene Studien unterstützen die Annahme einer genetischen Genese. Nach Döpfner/Frölich/Lehmkuhl wurde in Adoptionsstudien nachgewiesen, dass die Auftretenshäufigkeit der hyperkinetischen Störung bei den biologischen Eltern von hyperaktiven Kindern deutlich höher liegt als bei den Adoptiveltern. Zwillingsstudien erbrachten das Ergebnis, dass bei eineiigen Zwillingen eine höhere Symptomübereinstimmung zu finden ist als bei Zweieiigen [20]. Allgemein ist ein gehäuftes Vorkommen der HKS bei Familienangehörigen von hyperaktiven Kindern festzustellen. Die Autoren geben an, dass unter anderem der Einfluss eines Dopamin-Gens sowie eines Dopamin-Transporter-Gens diskutiert werde, doch genaue Studien dazu stehen noch aus. Allgemein konnten bisherige Untersuchungen noch keinen spezifischen Erbgang ermitteln, so dass davon ausgegangen wird, dass mehrere Gene an der Entstehung der HKS beteiligt sind.

Döpfner/Schürmann/Lehmkuhl weisen darauf hin, dass durch neuere „molekulargenetische Studien mittlerweile einzelne Stellen im menschlichen Erbgut bestimmt werden, die bei der Vererbung dieses Merkmals beteiligt sind“ [21]. Sie vertreten die Meinung, dass genetische Faktoren bei der Entstehung der HKS eine große Rolle spielen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Vererbung bei der Entstehung der Störung sicherlich eine Rolle spielt, doch welchen Stellengrad sie einnimmt, ist nicht genau festzulegen. Trotz vielfältiger Studien konnte noch kein endgültiger Nachweis für den genetischen Einfluss erbracht werden. Doch es ist davon auszugehen, dass weitere Forschungen auf diesem Gebiet schon bald neue Erkenntnisse bringen werden.

1.3.2. Organische und biologische Faktoren

Nach Vernooij besitzt die Rückführung der HKS auf organische Faktoren eine lange Tradition. Zwischen 1950 und 1970 wurde die Störung oftmals mit MCD (Minimale Cerebrale Dysfunktion) gleichgesetzt, da Kinder mit dieser Krankheit eine ähnliche Symptomatik aufzeigen [22]. Doch nach Steinhausen ist davon auszugehen, dass wahrscheinlich weniger als 5% aller Kinder mit einer hyperkinetischen Störung Hinweise auf eine hirnorganische Genese zeigen [23]. Bei der Mehrzahl der hyperkinetischen Kinder liegt demnach kein Hirnschaden im Sinne einer MCD vor.

Döpfner/Schürmann/Lehmkuhl weisen darauf hin, dass Frühgeburten und ein starker Alkoholmissbrauch seitens der Mutter während der Schwangerschaft ein erhöhtes Risiko für die spätere Entwicklung hyperkinetischer Störungen darstellen [24]. Nach Döpfner/Frölich/Lehmkuhl sind Ergebnisse, die Alkohol- und Tabakkonsum der Mütter während der Schwangerschaft als eine mögliche Ursache für hyperaktives Verhalten ansehen, nur als vorläufig zu betrachten [25].

Eine andere Vermutung besagt, dass eine reduzierte Körperwahrnehmung für die Hyperaktivität verantwortlich sein könnte. Demnach spüren einige Kinder ihren Körper weniger, wodurch sie verunsichert werden. Durch eine vermehrte motorische Aktivität fällt es ihnen leichter, ihren Körper wahrzunehmen. Ein anderer Grund könnte auch ein gestörter Netzkörper im Stammhirn sein. Wenn mit Hilfe von diesem einströmende Informationen nicht aussortiert werden können, kommt es zu einer ständigen Reizüberflutung. Diese kann nicht verarbeitet werden, so dass Konzentration und Aufmerksamkeit sinken [26].

Neurochemische Hypothesen, die eine Störung im Neurotransmittersystem verantwortlich machen (z.B. ein Dopaminmangel), sind umstritten [27]. Ein Neurotransmittermangel konnte nicht eindeutig bei allen Kindern nachgewiesen werden.

Trotzdem wird diese Hypothese von vielen „Fachleuten“ als plausible Ursache angesehen, da die Gabe von Substanzen, die die Dopaminfreisetzung im Gehirn stimulieren (z.B. Ritalin), zu einer Verbesserung des auffälligen Verhaltens führen.

Doch auch Hüther/Bonney weisen daraufhin, dass der zweifelsfreie Nachweis eines Dopamindefizits bisher noch nicht gelungen ist [28]. Sie zeigen ein neues Denkmodell auf, welches ihrer Aussage nach den gegenwärtigen neurobiologischen, entwicklungsbiologischen und entwicklungspsychologischen Erkenntnisstand beinhaltet. „Dieses Modell geht davon aus, dass es Kinder gibt, die bereits als Neugeborene und während ihrer Kleinkindphase erheblich wacher, aufgeweckter, neugieriger und leichter stimulierbar, oder einfach nur empfindlicher, »dünnhäutiger« und »unruhiger« sind als andere.“ [29] Die Ursachen dafür seien nicht ganz geklärt, so die Autoren. Durch diese „Offenheit“ werden die Kinder leicht durch neue Reize stimuliert, wodurch ihr dopaminerges System häufiger als normal aktiviert wird, was wiederum zu einer veränderten Gehirnstruktur führt. Somit arbeitet ihr antriebsteuerndes System vermehrt, was zur Folge hat, dass sie immer leichter durch neue Reize angeregt und stimuliert werden. Diese Reizüberflutung leben die Kinder schließlich mit ihrem „auffälligen“ Verhalten aus. Sie können ihren überstarken Antrieb nicht mehr kontrollieren. Dadurch entwickelt sich ein Teufelskreis:

„Durch die besonders häufige und intensive Nutzung der in seinem Gehirn angelegten und für die Steuerung seiner ungerichteten Motorik, seiner unselektiven Wahrnehmung und seiner ungezielten Aufmerksamkeit zuständigen Nervenzellverschaltungen sind diese komplexen Verhaltensmuster im Laufe der Zeit immer besser, immer effektiver - und andere ... entsprechend weniger stark entwickelt und ausgebaut worden.“ [30]

Die psychosozialen Konflikte, die durch das „problematische Verhalten“ entstehen, und der daraus resultierende Stress für das Kind verstärken diesen Prozess zusätzlich, so dass das Kind kaum eine Chance hat, diesen Kreis alleine zu durchbrechen. Eltern von Kindern, die eine erhöhte Vulnerabilität aufzeigen, können ihren Kindern behilflich sein, indem sie ein geordnetes und stark strukturiertes Umfeld schaffen sowie einen Reizschutz in Form von sicheren emotionalen Beziehungen bieten. Diese Maßnahmen können verhindern, dass das Kind seinen Stress und seine Ängste in Form von hyperaktivem Verhalten auslebt. Laut Hüther/Bonney sind Vermutungen über Gehirn- und Stoffwechselstörungen als Ursache der HKS bzw. des ADHD nur eingeschränkt gültig. Festzustellen ist, dass organische und biologische Faktoren allein bisher keine hinreichende Erklärung für die Entstehung der HKS bieten.

1.3.3. Ökologische Faktoren

Neben genetischen, organischen und biologischen Entstehungsfaktoren der HKS ziehen auch immer wieder ökologische Erklärungsmodelle das Interesse auf sich. Durch den amerikanischen Allergologen Feingold wurde bereits 1973 eine Diskussion in Gang gebracht, da er die Behauptung aufstellte, die in Nahrungsmitteln enthaltenen Farbstoffe (wie z.B. der Stoff Salicylat, der in vielen Früchten vorkommt) würden hyperkinetisches Verhalten auslösen. Er entwickelte eine Diät, die salicylathische Nahrungsmittel mied und künstliche Farb- und Geschmackstoffe verbot. [31] Sie zeigte bei einigen Kindern eine positive Wirkung. Spätere wissenschaftliche Untersuchungen kamen jedoch zu dem Ergebnis, dass nur bei einer sehr geringen Anzahl von Kindern ein Zusammenhang zwischen Einhaltung der Diät und Verbesserung der Symptomatik besteht.

Von dieser Farbstoff-Hypothese ausgehend entwickelte die deutsche - selbst betroffene Mutter - Hertha Hafer 1984 die Phosphat-Hypothese. Diese besagt, das hyperkinetische Verhalten werde durch Stoffwechselstörungen im Bereich der Neurohormone ausgelöst, die zu allergischen Reaktionen gegenüber Nahrungsphosphaten führten.[32] Daraufhin entwickelte sie eine phosphatreduzierte Diät, die sich bis heute größter Beliebtheit erfreut. Doch wissenschaftliche Untersuchungen konnten keinen statistisch signifikanten Zusammenhang nachweisen. Es wird eher von einem Placebo-Effekt ausgegangen, da die Durchführung der strengen Diät die psychosoziale Situation beeinflusst. So wird z.B. eine Veränderung in dem Verhalten der Eltern gegenüber ihrem Kind hervorgerufen, weil sie konsequenter in ihrem Erziehungsstil auftreten müssen, um die Diät durchzusetzen, was ebenfalls eine andere Kommunikations- und Interaktionsart mit sich bringen kann. Daraus entsteht eine vermehrte Zuwendung. Auf diese Veränderungen reagiert das Kind mit einem positiven Verhaltenswechsel.

Eine ebenfalls immer wieder angesprochene Hypothese stellt die Blei-Hypothese dar, die davon ausgeht, dass erhöhte Bleiwerte im Blut die motorische Unruhe verursachen. Vernooij schreibt: „Obwohl Einigkeit darüber besteht, dass ein Zusammenhang zwischen Hyperaktivität und Bleikonzentration im Blut vorhanden zu sein scheint, lässt sich eine gesicherte Kausalverbindung aber nicht herstellen.“ [33] Neben diesen ökologischen Faktoren drängt sich der Gedanke auf, dass auch sozioökonomische und kulturelle Bedingungen die Entwicklung von Kindern beeinflussen können.

1.3.4. Sozioökonomische und kulturelle Bedingungen

Hüther/Bonney sehen eine Hauptursache, die zu kindlichen Fehlentwicklungen führt, in der „kranken“ Gesellschaft, von der die Kinder erzogen und sozialisiert werden [34]. Die menschliche Gesellschaft ist einem stetigen Wandel unterworfen. Fast alles wird darauf ausgerichtet, schneller und „effektiver“ zu funktionieren. Niemand bleibt von diesen Veränderungen verschont - auch Kinder nicht. An sie werden von der Umwelt und den Erwachsenen immer höhere Anforderungen gestellt. Eltern möchten, dass ihr Kind „gut gelingt“, schnell und effektiv arbeitet (z.B. in der Schule) und gute Leistungen erbringt. Die Erwartungen, die an Kinder gestellt werden, sind hoch. Der gesteigerte Leistungs- und Konkurrenzdruck in der Schule (teilweise sogar im Freizeitbereich), kombiniert mit Einschränkungen der Bewegung (z.B. durch engen Wohnraum, wenig Platz zum Spielen, allgemein vermehrter Nutzung von Medien wie Computer und Fernsehen u.s.w.), führt dazu, dass die Kinder in einer Umgebung aufwachsen, die viele Sinnesreize produziert, aber wenig Platz bietet, um diese zu verarbeiten. Köckenberger meint, dass die Unruhe und Rastlosigkeit der Kinder als ein Spiegel unserer heutigen Gesellschaft gesehen werden kann [35]. Hüther/Bonney weisen darauf hin, dass Fachleute sich dahin gehend einig sind, dass der zunehmende Medienkonsum Kinder unruhig macht. Auch bestimmte offene Unterrichtsformen, bei denen den Kindern keine klare Führung gegeben wird, können die teilweise schon vorhandene Unruhe einiger Kinder noch verstärken [36]. Natürlich müssen diese veränderten Lebensbedingungen für sich genommen noch nicht zu der Entstehung einer HKS führen, doch gekoppelt mit anderen ungünstigen Faktoren können sie entscheidend dazu beitragen. Wenn sich Kindern kaum Möglichkeiten bieten, Erfahrungen und Eindrücke zu verarbeiten, sondern stattdessen weitere Stressfaktoren auf sie einwirken, kann dies ihre Verarbeitungsmöglichkeit übersteigen. Die sich rapide verändernden gesellschaftlichen Veränderungen fordern eine hohe Flexibilität und Anpassungsfähigkeit. Wenn Kinder - aus welchen Gründen auch immer - eine erhöhte psychische Vulnerabilität (Verletzlichkeit) aufzeigen, besitzen sie weniger Reserven als andere Kinder, um den „negativen Stress“ zu kompensieren und zu verarbeiten. Dann reagieren sie „über“ - sie werden hyperaktiv. Demnach ließe sich die hyperkinetische Störung auch als ein Schutz- und Abwehrmechanismus deuten, durch den die Kinder alles von sich abhalten, was sie nicht verarbeiten können. Das können neben umweltbedingten und gesellschaftlichen Einflüssen auch familiäre Einflüsse sein. Der folgende Abschnitt wird dies näher untersuchen.

Ich möchte diesen Unterpunkt mit einer Frage abschließen, die Hüther/Bonney treffend formuliert haben: „Gibt es in der heutigen, aufgeregten, hektischen, leistungs- und konkurrenzorientierten Welt der Erwachsenen überhaupt noch hinreichend Platz und Zeit für Kinder?“ [37]

1.3.5. Psychosoziale Faktoren

Da die zuvor genannten Faktoren nur begrenzte Erklärungen für die Entstehung der Störung bieten, besteht die Notwendigkeit, auch psychosoziale Faktoren hinsichtlich der Entstehung der HKS zu berücksichtigen. Diese können in einem erheblichen Maße die Ausprägung der Symptomatik und deren Verlauf mitbestimmen.

Leider wird dieser Ursachenbereich in der Fachliteratur vernachlässigt. Es existieren kaum Forschungsarbeiten zu diesem Thema, so dass sich hauptsächlich auf Erfahrungswerte und Meinungen verschiedener Autoren zurückgreifen lässt.

Die Lebenswelt des Kindes wird primär von den umgebenden Bezugspersonen geprägt - genauer gesagt von seiner psychosozialen Umwelt. Natürlich spielen auch andere soziale Systeme wie Kindergarten, Schule und Freunde eine Rolle, doch als besonderer Beeinflussungsfaktor für die Entwicklung des Kindes ist das familiäre Umfeld zu nennen. Die Familie nimmt als „erste Sozialisationsinstanz“ eine prägende Rolle für das Kind ein.

Bei Familien mit einem hyperaktiven Kind ist oftmals eine Überforderung zu erkennen. Die Mütter (die zumeist die Hauptbezugspersonen für das Kind darstellen) wirken häufiger als andere Mütter unsicher in ihren Erziehungspraktiken, und gegenüber den „auffälligen Kindern“ zeigen sie weniger Gelassenheit. Dies wurde durch eine Studie von Saile/Gsottschneider 1995 bestätigt, dort heißt es: „Die Mütter äußern in Erziehungsfragen vermehrt Unsicherheiten und Selbstkritik und weniger Gelassenheit und Souveränität.“ [38]

Dieses Phänomen lässt sich durch einen zirkulären Prozess erklären, bei dem Ursache und Wirkung nicht voneinander getrennt werden können:

Hyperaktive Kinder folgen seltener den Aufforderungen ihrer Eltern als andere Kinder. Dadurch erleben die Eltern Misserfolge in ihrer Erziehung, wodurch sie unzufrieden und durch die ständigen Auseinandersetzungen mit ihrem Kind gereizt werden. Dementsprechend unausgewogen reagieren sie auf ihr Kind, was auf diese gereizte und aggressive Stimmung mit Ab- und Gegenwehr reagiert. So kann es passieren, dass Eltern und Kinder sich gegenseitig hochschaukeln [39].

Manche Eltern entwickeln aus ihrer Unsicherheit heraus einen schwankenden Erziehungsstil, der zwischen sehr streng und sehr nachgebend hin- und herpendelt. Es kann aber auch passieren, dass sich diese beiden „Pole“ auf die Elternteile aufteilen, wodurch sich Streitpunkte und gegenseitige Vorwürfe zwischen den Eltern entwickeln können. Das Kind ist in diesem Fall gezwungen, zwischen den Parteien hin- und herzupendeln. Indem es die Eltern gegeneinander ausspielen kann, erlangt es zwar mehr „Freiheiten“, aber gleichzeitig gerät es auch in einen belastenden Loyalitätskonflikt zwischen den Parteien. Derselbe Prozess gilt für Eheprobleme, die sich nicht anhand der Uneinigkeit über die Kindererziehung manifestieren. Auch da geraten Kinder „zwischen die Fronten“, was für sie sehr belastend ist. Nach Saile/Gsottschneider wird das gehäufte Auftreten von Partnerschaftskonflikten bei Familien mit hyperaktiven Kindern durch empirische Forschungsarbeiten bestätigt [40].

Als eine weitere Vermutung lässt sich anführen, dass hyperaktive Kinder durch ihre Störung unbewusst die gesamte Aufmerksamkeit auf sich ziehen, um einer sonst eventuell erfolgenden Trennung der Eltern vorzubeugen. Denn diese lenken ihre Sorge automatisch auf das „Problemkind“, wodurch sich die Möglichkeiten verringern, eventuell bestehende Partnerschaftsprobleme zu bearbeiten. Zudem schafft das Kind eine (eventuell letzte) Gemeinsamkeit und ein verbindendes Element zwischen den Eltern [41]. Selbstverständlich müssen nicht in jeder Familie, die ein hyperaktives Kind haben, die gleichen Ursachen vorliegen. Kinder sind allgemein sehr sensible Sensoren, wenn es um die Wahrnehmung von unausgesprochenen emotionalen Prozessen geht.

Daraus ließe sich die Hypothese bilden, dass Kinder mit ihrer hyperaktiven Symptomatik die Aufgabe übernehmen, das Beziehungsgleichgewicht in der Familie wiederherzustellen, indem sie überhöhte innerfamiliäre Spannungen ausleben und damit gleichzeitig von dem eigentlichen Hintergrund ablenken [42].

Bei anderen Problemen wie z. B. Alkoholmissbrauch, Gewaltanwendung oder Missbrauch in der Familie, psychischer Störung eines oder beider Elternteile und Kindesvernachlässigung kann die HKS als ein Überforderungssignal des Kindes gedeutet werden. Es hat seine Störung als eine Art „Selbstschutzmechanismus“ entwickelt. Dadurch dass seine Auffälligkeiten sehr „aktiv“ sind, schafft es das Kind oft, Hilfe von außen in die Familie zu holen - in diesem Fall nicht nur für sich selber.

Nach Kilian ist des Öfteren zu beobachten, dass eine enge Bindung eines Elternteils zu seiner Herkunftsfamilie besteht, doch ansonsten sind eher wenige enge soziale Kontakte vorhanden. Hier kann die Symptomatik des Kindes als „Kontaktstifter“ fungieren, wodurch die Familie aus ihrer sozialen Isolation herausgeholt wird. Dies geschieht z.B. dadurch, dass Eltern an Eltern-Selbsthilfe-Gruppen teilnehmen oder Rat in einer Erziehungsberatungsstelle suchen. Durch die enge Verbindung zu der Herkunftsfamilie eines Elternteils entsteht oft Furcht vor Abgrenzung, so Kilian. Daraus folgert er, dass oft Grenzen unklar bleiben und Zuständigkeiten keiner klaren Regelung unterliegen, wodurch sich Konflikte ergeben können (z.B., wer sind die besseren Eltern?), in denen das Kind als „Spielball“ zwischen den Generationen hin- und herspringt. Es entsteht dieselbe belastende Situation wie bei Uneinigkeiten zwischen den Eltern.

Saile/Gsottschneider kommen zu dem Ergebnis, dass hyperaktives Verhalten gehäuft in Familien auftritt, in denen Rollen wenig differenziert sind, der kommunikative und affektive Austausch reduziert ist und Probleme ineffektiv gelöst werden [43].

Trost verweist in seinem Beitrag „Halt-Suche: Tyrannische Kinder und verzweifelte Eltern“ auf den Autor B. Bettelheim, der das hyperkinetische Verhalten als einen Abwehrmechanismus sieht.

Demnach hat das Kind ein unbewusstes Trauma erlebt, welches durch eine fehlende emotionale Bindung an eine Bezugsperson entstanden ist. Durch das hyperaktive Verhalten wird dieses Trauma abgewehrt, und dies „...helfe demnach den Schmerz über das Nicht-Angenommensein nicht mehr zu spüren“ [44]. Zusätzlich stellt das anstrengende Verhalten des Kindes nach dieser Theorie eine Bestrafung für den Elternteil dar, der das Kind ablehnt. Trost beschreibt des Weiteren Individuationsschritte, die von den Eltern oft erst vollzogen werden müssen, um einen eigenen sicheren Standpunkt zu erlangen. Erst dann können sie ihrem Kind Sicherheit und Halt geben. Da ich später bei meiner eigenen Fallbeschreibung auf zwei dieser Individuationsschritte zurückgreifen möchte, seien sie an dieser Stelle kurz erwähnt:

- -„Innere Ablösung von den eigenen Herkunftsfamilien

- - Betrauern des Verlustes einer nahen Bezugsperson durch Tod oder Trennung“ [45]

In Korrespondenz dazu steht die Feststellung von Hüther/Bonney, dass eine ungenügende Abgrenzung der Eltern gegenüber den Großeltern zu einer unsicheren emotionalen und pädagogischen Atmosphäre führen kann. Wenn durch die enge Bindung der Eltern an ihre eigenen Eltern eine dauerhaft reduzierte Hinwendung zu ihrem Kind entsteht, so entwickelt dieses ein Störverhalten, um die Eltern auf sich aufmerksam zu machen [46]. Ebenso zieht die Nichteinhaltung von Generationsgrenzen zwischen Eltern und Kindern Folgen nach sich. Es kann z.B. passieren, dass Eltern ihren Kindern „Erwachsenenaufgaben“ zuteilen, die diese kaum bewältigen können. Hüther/Bonney weisen darauf hin, dass wenn ein Elternteil seine Verantwortung nicht wahrnimmt, die Kinder auch schon in sehr frühem Alter versuchen, den alleingelassenen Partner zu unterstützen. [47]

Die daraus resultierende Überforderung kann sich in Form einer Aufmerksamkeitsstörung äußern. Interessant ist die Ansicht, dass eine faktische Vaterlosigkeit oder eine nur eingeschränkte seelische Verfügbarkeit des Vaters eine große Bedeutung für die Entwicklung der Verhaltensauffälligkeit spielt [48].

Zusammenfassend lässt sich sagen: „Grundsätzlich wirken sich alle latenten und offensichtlichen Krisen in der Partnerschaft und familiäre Belastungen anderer Natur auf die seelische Verfassung und das Verhalten des reizoffenen Kindes aus.

ADHS-Kinder sind in hohem Grad dafür empfänglich, ein spannungsgeladenes familiäres Klima wahrzunehmen und sich angesichts der Orientierung auf Außenreize und Verstörbarkeit als erkennbares Konfliktzentrum anzubieten.“ [49]

Die „Belastungsfaktoren“, die innerhalb eines Familiensystems für ein Kind entstehen können, müssen für sich genommen noch keine HKS auslösen. Aber in Wechselwirkung mit den zuvor genannten Verursachungsfaktoren kann es zu Auffälligkeiten des Kindes kommen. Bevor von außen eine Intervention bzw. Therapiemaßnahme indiziert wird, sollte deshalb jeder Fall individuell genau untersucht werden. Denn die Gabe von Psychopharmaka wird langfristig nicht helfen können, wenn die Auffälligkeiten des Kindes durch einen ungelösten psychosozialen Konflikt ausgelöst worden sind. Andererseits werden Psychotherapien ebenfalls an ihre Grenzen geraten, wenn organische Ursachen übersehen worden sind, die eventuell ausschlaggebend für die Störung waren.

Aus diesem Grund wird oft eine multimodale Behandlung empfohlen.

1.4. Multimodale Behandlung

Nach den Diagnoserichtlinien der ICD 10 wird eine multimodale Behandlung empfohlen, die verschiedene Bausteine umfasst. Sie lauten wie folgt:

- Aufklärung und Beratung der Eltern, des Kindes und ggf. des Klassenlehrers

- Elterntraining und Interventionen in der Familie (einschließlich Familientherapie)

- Interventionen im Kindergarten oder Schule

- kognitive Therapie des Kindes, d.h. Selbstinstruktions- und Selbstmanagementtraining (erst ab dem Schulalter)

- Pharmakotherapie (Behandlung mit Stimulanzien)

- in einigen Fällen können diätetische Behandlungen hilfreich sein (häufiger bei Kindern im Vorschulalter) [50].

Um die Sekundärsymptomatik positiv zu beeinflussen, werden folgende Interventionen ergänzend zu den obengenannten vorgeschlagen:

- Soziales Kompetenztraining

- Einzel- und/oder Gruppentherapie (mit tiefenpsychologischer, nondirektiver oder verhaltenstherapeutischer Ausrichtung)

- Übungsbehandlung zur Verminderung von umschriebenen Entwicklungsstörungen (Teilleistungsschwächen) [51].

Die Behandlungen werden meist ambulant durchgeführt. Nur in speziellen Fällen (wie z.B. bei besonders schwer ausgeprägter Symptomatik) ist eine (teil-) stationäre Behandlung erforderlich. Die Aufklärung und Beratung der betroffenen Personen sollte immer durchgeführt werden. Die anderen Interventionen können individuell je nach Indikation kombiniert angewendet werden.

Döpfner/Frölich/Lehmkuhl weisen in ihrem Buch auf folgenden Sachverhalt hin: „Von allen Therapiemaßnahmen ist die Wirksamkeit von Pharmakotherapie und von verhaltenstherapeutischen Interventionen sowie deren Kombination (multimodaler Therapie) am besten untersucht. Andere Methoden sind dagegen bislang wenig überprüft.“ [52]

Doch neben diesen von dem ICD 10 empfohlenen Therapiemaßnahmen gibt es eine Vielzahl von weiteren Behandlungsformen wie z.B. Ergotherapie, Psychomotorik und Spieltherapie, die häufig angewandt werden.

Zusätzlich werden ständig neue „Entdeckungen“ gemacht, die Kindern mit dieser Störung helfen sollen. So werden verschiedene Ernährungsumstellungen (kein Zucker, leichte Kost), die Ausleitung von Gift und Schwermetallen (z.B. von Zahnmetallen), Beseitigung von Impfschäden und der Ausgleich von Vitalstoffmängeln durch die Einnahme einer speziellen Algenart (Afa-Alge) als wirksame „Therapiemaßnahmen“ angepriesen.

Diese alternativen Maßnahmen stehen meist im Zusammenhang mit einer „Anti-Ritalin-Haltung“. Über die Wirksamkeit dieser Interventionsmöglichkeiten lässt sich jedoch, wie oben erwähnt, noch keine wissenschaftliche Aussage machen.

Die Methode des Reiki, die bisher noch nicht speziell bei hyperaktiven Kindern angewandt worden ist, wird im nächsten Kapitel vorgestellt.

2. Reiki - Eine Einführung -

Bei den dargestellten Fakten über Reiki beziehe ich mich größtenteils auf Wissen, welches ich mir in meiner zweieinhalbjährigen Reikiausbildung angeeignet habe. Dieses ist durch eine Mischung aus mündlich erworbenem sowie über einen längeren Zeitraum angelesenem Wissen entstanden. Deshalb sind genaue Literaturangaben nicht immer möglich. Bei der Erstellung dieses Kapitels habe ich mich des Weiteren an meinen Ausbildungsmitschriften orientiert.

Der Begriff „Reiki“ setzt sich aus dem japanischen Wort „Rei“ = „universal“ und „Ki“ = „Lebensenergie“ zusammen. Es bedeutet demnach „universelle Lebensenergie“. „Universell“ in diesem Zusammenhang kann gleichgesetzt werden mit: auf alles anwendbar, alles einschließend, ganzheitlich. Bei einer Behandlung legt der Reiki-Gebende seine Hände auf verschiedene Körperzonen oder hält sie etwas über den Körper des Empfängers. Er stellt sich dem Reiki als „Kanal“ zur Verfügung, so dass die „universelle Energie“ durch die Hände in den Körper und die Aura [53] des Empfängers fließen kann. Eine wichtige Rolle bei der Verteilung der Energie im Körper nehmen die Chakren ein. Der Begriff „Chakra“ stammt aus der altindischen Sanskritsprache und bedeutet „Kreis“ oder „Rad“. Hiermit werden feinstoffliche [54] Energiezentren des Menschen bezeichnet, die sich über den gesamten Körper verteilen und bestimmte Ebenen des menschlichen Seins widerspiegeln [55].

Bei der Anwendung von Reiki wird der Mensch als Ganzheit behandelt, da die Energie die körperlichen, emotionalen, mentalen und geistigen Ebenen auf sanfte und natürliche Weise wieder in einen harmonischen Zusammenhang bringt. Die Energie selbst ist nicht dual, d.h. weder positiv noch negativ, sondern eine reine Schwingungsfrequenz. Somit ist sie nicht manipulierbar. Reiki ist die höchste dem Menschen verfügbare Schwingung an Lebensenergie.

Interessant ist, dass den meisten östlichen Heilmethoden das Konzept zugrunde liegt, dass „Ki“ die vitale Lebenskraft darstellt, von der alles physische Leben abhängt. Schon vor über 4500 Jahren stellten Chinesen die Behauptung auf, dass ein feines System lebenserhaltender Energie den Körper durchzieht, welches sie „Chi“ nannten. Auf Hindu lässt sich „Ki“ mit dem Begriff „Prana“ gleichsetzen, bei den russischen Forschern wird oft das Synonym „Bioplasmische Energie“ gebraucht, und im deutschsprachigen Raum lässt sich „Ki“ am ehesten mit „Lebenskraft-/energie“ übersetzen.

Es lässt sich sagen, dass Reiki die Kraft ist, die die Grundlage allen Lebens bildet. Bei der Geburt bringt jeder Mensch ein gewisses Maß an „Ki“ mit auf die Welt. Man sagt, dass Kinder die Reiki-Kraft oft noch bis ca. zu ihrem dritten Lebensjahr besitzen, da ihre „Energiekanäle“ [56] offen sind. Deshalb nehmen sie die Welt ganz anders wahr und besitzen für die Erwachsenen manchmal unerklärlich viel Energie. Doch im Laufe der Zeit verschließen sich diese „Energiekanäle“, da die Kinder lernen, sich ihrer Umwelt anzupassen und ihre Wahrnehmung anzugleichen.

In Reiki-Seminaren werden mittels mehrerer Einweihungen [57] bestimmte „Energiekanäle“ wieder geöffnet, wodurch man die Fähigkeit erlangt, die durch sich hindurchfließende Energie über die Hände an sich und andere Lebewesen abzugeben. Somit wird Reiki nicht gänzlich neu erlernt, sondern der Mensch erinnert sich an die Kraft des Lebens. Er kann wieder die Energie wahrnehmen, die alles umgibt.

Hervorzuheben ist, dass dabei dem Behandler selbst keine persönliche Energie entzogen wird, sondern auch er erfährt von der durch ihn durchfließenden Kraft eine Stärkung. Bei der Behandlung ist es weder für den Reiki-Geber noch für den Reiki-Nehmer möglich, die persönlichen Probleme oder die Energie des anderen aufzunehmen. Der Reiki - Kanal wird von keiner anderen Energieform beeinflusst oder beeinträchtigt. Die Energie ist sozusagen „intelligenter“ als die Menschen, d.h. sie fließt immer zu den Stellen, welche sie am meisten benötigen. Zusätzlich wird davon ausgegangen, dass jeder Mensch auf der Ebene seines Unterbewusstseins entscheidet, wie viel Lebensenergie und Heilung er aufnehmen kann und möchte.

Die Energie wird von dem Empfänger „eingezogen“ und entspricht somit immer den individuellen Bedürfnissen. Dadurch ist eine Manipulation durch den Behandler ausgeschlossen sowie eine „Überdosis Reiki“ unmöglich.

Zusammenfassend ist zu bemerken, dass Reiki eine leicht zu erlernende Behandlungsmethode zur Aktivierung, Harmonisierung und Wiederherstellung natürlicher Lebensenergie ist. Ebenso stellt es eine sichere Selbsthilfetechnik dar, durch die das Vorbeugen von gesundheitlichen Störungen möglich ist, mit der heilende Wirkung erzielt sowie Stress abgebaut werden kann. Reiki verhilft zur vollkommenen Entspannung. Die erzeugte Energie ist nicht direkt messbar und lässt sich nicht mit unseren gewöhnlichen mentalen Konstrukten begreifen. Doch jeder, der Reiki erfahren hat, spürt die Wirkung.

„Um Reiki tief erfahren zu können, mußt Du nicht daran glauben. Du mußt auch nicht an die Köstlichkeit einer Frucht glauben, um sie genießen zu können. Aber hineinbeißen mußt Du!“ [58]

2.1. Das Chakrensystem

Eine wichtige Funktion bei der Verteilung der Energie im Körper nehmen die Chakren ein. Diese lassen sich mit „Energiezentren“ vergleichen, die Energie von außen aufnehmen, sie in Frequenzen umwandeln, die der Mensch gerade benötigt, um sie anschließend dem Energiesystem des Menschen durch kreisförmige Bewegungen zuzuführen. In der traditionellen asiatischen Medizin sind die Chakren schon seit Tausenden von Jahren bekannt und werden sowohl zur Diagnose als auch zur Therapie von Störungen im körperlichen, seelischen und geistigen Bereich benutzt. Rand beschreibt sie als Punkte, an denen die Seele mit dem physischen Körper verbunden ist [59]. Allgemein werden die Chakren in sieben Haupt- und einer Vielzahl von Nebenchakren aufgeteilt. Diese stehen mit den aus der Akupunktur bekannten Reflexzonen und Meridianen [60] in Verbindung.

Die Hauptchakren befinden sich in einer gedachten Linie entlang der Wirbelsäule zwischen Damm und Scheitel. Da für das Verständnis der Arbeit mit Reiki die Kenntnis der Hauptchakren und ihren entsprechenden Lebensthemen hilfreich sein kann, werden sie kurz in tabellarischer Form vorgestellt. Dabei sei zu bemerken, dass diese Tabelle nur einen groben Überblick gibt, da den Chakren neben den aufgezählten Lebensthemen noch vielfältige andere Bereiche zugeordnet werden können, wie z.B. Drüsen und Sinnesfunktionen, Körperbereiche, Farben, Aromen und Symbole. Die Thematik kann an dieser Stelle wegen der begrenzten Seitenzahl der Arbeit nicht vertieft werden [61].

Bezeichnung

körperliche Lage

Lebensthemen bzw. Seinsebenen

Anmerkungen

1. Chakra

Basis– oder Wurzelchakra

zwischen den Genitalien und dem Anus

- Vitalität

- Sexualität

- Durchsetzungskraft

- Sichern von materiellem Besitz

- Urvertrauen

2. Chakra

Sakralchakra

oberhalb der Schamhaargrenze

-Kreativität

-Gefühle

-Lebenskraft

3. Chakra

Solarplexuschakra/ Sonnengeflecht oder Sonnenchakra

etwas oberhalb des Bauchnabels

-Macht

-Mut und Kraft

-Ausstrahlung

-Individualität

Energiefrequenzen von der Umwelt treffen zuerst auf dieses Chakra

4. Chakra

Herzchakra

Brustmitte

-Liebe

-Partner- und Freundschaft

-Harmonie

-Hingabe

verbindet untere (1. bis 3.) und obere (5. bis 7.) Chakren miteinander

5. Chakra

Hals- oder Kehlkopfchakra

Halsmitte

-Kommunikation

-Selbstausdruck

-Grenzsetzung

-Unabhängigkeit

-Entspannung und Loslassen

6. Chakra

Stirnchakra

zwischen den Augenbrauen oberhalb der Nasenwurzel

-Intuition

-Imagination

auch unter Begriff „dritte Auge“ bekannt, wird in Meditationen benutzt

7. Chakra

Scheitel- oder Kronenchakra

Mitte der Kopfoberseite

-Entwicklung von Spiritualität

-Verbindung mit „dem Göttlichen“

sollte bei Reikibehandlungen nicht zu oft behandelt werden, da sehr empfindlicher Bereich